Das Projekt »Zeichen der Erinnerung«

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Ansicht vergrößern Die Deportationsgleise
im August 2003

Im Juni 2001 gibt die Stuttgarter Stiftung Geißstraße 7 ein Denkblatt heraus, das an die Deportationen jüdischer Bürger vom Inneren Nordbahnhof in Stuttgart vor sechzig Jahren erinnert. Es wird zum Ausgangspunkt für das Projekt »Zeichen der Erinnerung«, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Geschichte des Inneren Nordbahnhofs aufzuarbeiten und im Bewusstsein zu halten. Zentraler Bestandteil dieses »Zeichens« soll eine Gedenkstätte an den Gleisen des Inneren Nordbahnhofs werden, von denen aus 1941 die Transporte in den Tod begannen. Über 2500 jüdische Mitbürger aus Württemberg wurden von hier aus deportiert; beinahe alle wurden in den Sammel- und Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ermordet.

Ansicht vergrößern Workshop in der Martinskirche am Nordbahnhof im November/Dezember 2001

Um die angemessene Form eines solchen »Zeichens der Erinnerung« zu finden, laden die Stiftung Geißstraße 7 und der Infoladen Stuttgart 21 zu einem internationalen Workshop nach Stuttgart ein. Am 28. November 2001 treffen etwa sechzig Studentinnen und Studenten der Architektur von der Technischen Universität Cottbus, der Fachhochschule Nürtingen, der Zürcher Hochschule Winterthur, der Fachhochschule Konstanz, dem Politecnico Milano und der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart mit ihren Dozenten in Stuttgart ein. Bei der Eröffnungsveranstaltung des fünftägigen Workshops (28. November bis 2. Dezember 2001) im Wilhelmspalais sprechen der württembergische Landesrabbiner Joel Berger und der Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel.

Ansicht vergrößern Präsentation der Entwürfe beim Workshop im November/Dezember 2001
Video abspielen Mit einem »Flatterband« wird das Gelände am Inneren Nordbahnhof markiert

Am nächsten Tag halten Roland Müller, Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, und Dietrich Schmidt, Architekturhistoriker von der Universität Stuttgart, Vorträge zur Deportation der Juden aus Württemberg und zur Gedenkkultur. Anschließend beginnen die Studenten mit der Arbeit an ihren Entwürfen, die von Informationsveranstaltungen zur Geschichte der Stadt und des Nordbahnhofs begleitet wird. Zum Abschluss präsentieren die Studenten ihre Entwürfe, die in den nächsten Monaten an ihren jeweiligen Hochschulen weiter ausgearbeitet werden. So entstehen aus den Arbeiten konkrete Projekte.

Am 27. April 2002 wird mit einer »Flatterbandaktion« das für das Mahnmal vorgesehene Gebiet am so genannten »C1-Gelände« am Inneren Nordbahnhof markiert und somit symbolisch ein Anspruch auf das Gelände geltend gemacht.

Ansicht vergrößern Der Gewinnerentwurf von Anne-Christin
und Ole Saß (Berlin)

Am 4. Mai 2002 werden die Arbeiten der Studenten im Stuttgarter Rathaus einer Jury vorgestellt; ihr gehören an: der Architekt Roland Ostertag, der ehemalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel, die Sozialbürgermeisterin Gabriele Müller-Trimbusch, der Baubürgermeister Matthias Hahn, die Stadträtinnen Susanne Eisenmann und Helga Ulmer, Michail Fundaminski von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, Roland Müller, Josef Klegraf vom Infoladen Stuttgart 21, Micha Ullmann von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, der Stadtrat und Vorstand der Stiftung Geißstraße 7, Michael Kienzle, sowie der Präsident des Kuratoriums der Stiftung Geißstraße 7, Thomas D. Barth. Die Preissumme von eintausend Euro wird zu gleichen Teilen auf die Entwürfe von Anne-Christin Saß und Ole Saß (Berlin) sowie von Isabelle Müller, Cindy Meyer und Katja Schulz (Cottbus) verteilt.

Ansicht vergrößern Gewinnerentwurf von Isabelle Müller,
Cindy Meyer und Katja Schulz (Cottbus)

Der Entwurf des Ehepaars Saß sieht vor, die Schienen unverändert zu lassen und lediglich das Gebiet mit Schotter aufzufüllen. Ein passepartoutartig angelegter Betonweg, der einen Blick auf die Gleise von verschiedenen Punkten aus ermöglicht, soll das Gebiet umschließen.

Die Cottbuser Studentinnen lehnen ihr Konzept daran an, dass die deportierten jüdischen Bürger das Ticket für ihre Fahrt selbst bezahlen mussten. Daher sieht ihr Entwurf vor, dass an der Gedenkstätte Fahrkartenautomaten stehen, die eine Archivfunktion übernehmen: Der Besucher kann an ihnen biographische und historische Informationen abrufen.

Ansicht vergrößern Anne-Christin und Ole Saß stellen
ihren Gewinnerentwurf vor

Im Juli 2003 beschließt der Stuttgarter Gemeinderat die endgültige Freigabe des Geländes am Nordbahnhof.

Ansicht vergrößern Der Stuttgarter Künstler Dieter Groß war beim »Zug nach Theresienstadt« der zeichnende Protokollant; am Fenster: Garry Fabian und Inge Auerbacher

Vom 15. bis 17. September 2003 organisiert die Stiftung Geißstraße 7 einen »Zug nach Theresienstadt«. Der Zug folgt dabei der Strecke der Deportationszüge nach Theresienstadt von 1942. Mitfahrende sind eine Gruppe von Stuttgarter Jugendräten, die im ehemaligen Ghetto Theresienstadt auf »Spurensuche« gehen und sich mit tschechischen Jugendlichen treffen. Inge Auerbacher und Garry Fabian, die als Kinder deportiert wurden und das Konzentrationslager Theresienstadt überlebt haben, begleiten die Fahrt. Der »Zug nach Theresienstadt« wird gleichzeitig als kulturelle Begegnung angelegt, indem verschiedene Künstler ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Deportation und Holocaust präsentieren.

Im Dezember 2003 erhält das Projekt »Zeichen der Erinnerung« den Anerkennungspreis der Stuttgarter Bürgerstiftung.

Ansicht vergrößern Garry Fabian in Theresienstadt
im September 2003

Im Juli 2004 wird der Verein »Zeichen der Erinnerung« gegründet (Vorsitz: Roland Ostertag, Zweite Vorsitzende: Regine Breinersdorfer, Schatzmeister: Josef Klegraf). Der Verein ist nicht nur für das Einwerben von Spenden, sondern auch für die Realisierung der Gedenkstätte zuständig.

Ansicht vergrößern Die Deportationsgleise kurz
vor Baubeginn im April 2006

Im Februar 2005 beschließen der Ausschuss für Umwelt und Technik sowie der Verwaltungsausschuss der Stadt Stuttgart, die Umsetzung des »Zeichens der Erinnerung« am ehemaligen Ort der Deportationen von Seiten der Stadt finanziell zu unterstützen. Dabei soll die Hälfte der anfallenden Kosten von der Stadt übernommen werden, unter der Bedingung, dass der Verein die andere Hälfte trägt.

Im August 2005 findet ein zweiwöchiges Workcamp an den Gleisen des Nordbahnhofs statt.

Im Frühjahr 2006 lässt die Stiftung Geißstraße 7 durch Unitext-Stuttgart und die Agentur Milla und Partner eine Homepage erstellen, die umfassend über die Deportationen jüdischer Mitbürger vom Stuttgarter Nordbahnhof informiert. Die Homepage dient auch als Informationsseite im Rahmen eines Terminals ›vor Ort‹. sk